Die Frankfurter Botschaft

  • Veröffentlicht am: Mi, 24 Aug 2016
  • von: Lisa Voigt

Beamter: Die Nummer 34, bitte!
Gast 1: Ich bin die Nummer 34.
Gast 2: Nein ich.

Gast 3: Nein. Ich bin die Nummer 34!
Beamter: Es ist wichtig, dass Sie sich an die Reihenfolge halten. (deutet auf Gast 2) Sind Sie die Nummer 34?
Gast 2: Ja. Natürlich
Beamter: Dann nehmen Sie doch bitte Platz!

Gast 1: Es dauert heute wirklich besonders lange.
Beamter: Personalnot.
Gast 3: (flüstert) Ich setz mich einfach hier hin und warte, was passiert.
Beamter: Bitte nicht sprechen. Bewahren Sie Ruhe. Sie sind hier auf einem Amt.
Gast 2 zu Gast 1: Ich glaub ich brauch hier einen Stempel und Ich finde halt auch, dass  das hier eher Sozialkritik ist.
Beamter: Ich bedauere. Wir müssen dieses Amt jetzt schließen. Aus personaltechnischen Gründen muss diese Aktion jetzt abgebrochen werden.
Wir berücksichtigen natürlich den Datenschutz. Das ist ja klar.
Gast 1 zu Beamter: Warum haben Sie keine Schuhe an?
 
Diese kurze Szene ereignete sich so oder so ähnlich kurz nach der Eröffnung der Frankfurter Botschaft am 12. August während ich, wie alle anderen braven Bürger, versuche einen Pass auf dem Amt zu bekommen.
Ich habe keine Zeit mir Sorgen über die möglichen Konsequenzen zu machen keinen Pass ausgestellt bekommen zu haben, denn ich werde vom diensthabenden Personal der Frankfurter Botschaft bereits nach Draußen gebeten, wo ich einer kleinen Gentrifizierungs-Zaubershow beiwohnen kann.
Ich entscheide mich für ein anderes Szenario, das mir angeboten wird: „Franziska“, adrett gekleidet und mit einem Stretching-Fitnessband bewaffnet übt uns etwas vor: 
Mein Name ist Franziska, seit 6 Monaten in FFM.
Vorher HH.
Sozusagen kein Native.
Sie erzählt, sie reise grundsätzlich mit leichtem Gepäck, denn man wisse ja nie wie lange man an einem Ort arbeitet und bleibt. Mit einem Koffer könne sie einfach schneller wieder weiter.
Es sind Blitzlichter der Frankfurter Gesellschaft, die hier in der Unitarischen Weihehalle aufleuchten. Und Fast alle sind sie da:
Die jungen erfolgreichen Wilden, die sich und uns fragen: Zu welcher Kreativ-Branche gehörst du?
Die Alte und ihr süßer Hund, betroffen vom Gentrifizierungs-Zauber.
Die Verwaltungsbeamten, die wirklich sehr sehr gute und genaue Arbeit machen, aber keiner so ganz genau sagen kann, was und wofür.
Die Flaschensammler, bepackt mit knackenden 1,5l Plastik Pfandflaschen, die ihre Berge einer Opfergeste gleichkommend, bedächtig und sichtlich erschöpft zur Kanzel tragen und niederlegen.
Der in die Jahre und prekäre Umstände gekommene Fußballfan, dem alle anderen Lebensthemen abhanden gekommen sind. Doch er macht sich und uns wieder neuen Mut. Und wahrscheinlich haben alle im Raum das Gefühl, es gehe um mehr als um Fußball.
Aaaaaaaber wir kriegen das schon hin: Neuanfang. Neuaufbau. Neue Impulse. Junge Frische. Dynamische Spieler. Dann geht’s wieder rauf. Boaaar!
Auch sie ist da: Eine junge Frau im schwarzen Kleid. Sie wälzt sich auf dem Boden. Ich glaube sie hat keinen Spaß dabei. Sie hat sich aber in den Kopf gesetzt, dass es so aussieht als hätte sie den und schreit: "I am beautiful. I am smart. I can do it." Sie versucht voran zu kommen. Aber wälzt sich immer nur auf dem einen Fleck herum. Will irgendwie weiterkommen. Funktioniert aber nicht. Schade. "She is beautiful. She is smart. She can do it.” Denke ich mir. Aus der anderen Ecke des Raumes höre ich: „Ich bin perfekt. Ich trage eine Uhr. Ich  bewahre Ruhe.“ Ich denke mir: Ich auch. Meistens. Und wenn nicht?
Zu weiteren Überlegungen komme ich nicht. Meine Aufmerksamkeit wird erneut beansprucht: Von einer anderen Spielerin, die an einer improvisierten Ampelanlage hängt.
I really like traffic in Frankfurt. Because it´s so beautiful.
I really like traffic in Frankfurt. Because I can count from 1 to 100
I really like traffic in Frankfurt because I can stand there and wait
I really like traffic in Frankfurt because it has beautiful colours!
Ich verstehe: Es geht hier also um die Botschaften einer Stadtbevölkerung. 
Ich denke nach darüber, wo ich hier eigentlich bin. Eine Art Kirche. Sie sieht nicht so aus, wie die Kirchen, die ich auch meiner Kindheit kenne. Aber irgendwie ein repräsentativer Ort. Ein Ort, an dem eine andere Art von Stadtgesellschaft sich ausprobieren und äußern kann. Leider nicht draußen. Immer noch drinnen und immer noch verpackt als künstlerische Darbietung. Bevor ich richtig traurig werden kann über all die ungenutzten Möglichkeiten und verpassten Gelegenheiten zur öffentlichen Stellungnahme und Demonstration von Meinung und gesellschaftlich wichtigen Themen, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Eine Dame hinter mir beklagt sich: "Ich habe immer noch keinen ordentlichen Pass. Wo bekommt man den denn?!"
Ich habe auch keinen und überlege, ob mir das im echten Leben jetzt Angst machen würde. Angst. Darum geht es auch beim nächsten Blitzlicht, das mich anzieht. Bei einer „Vorstandssitzung im Mondschein“ sprechen sie über Agoraphobie. Die Angst vor großen Plätzen.
 
Leider ein aussterbendes Leiden. Denn die Anzahl der kleinen großen Plätze in Frankfurt wird kleiner und damit ist auch die Anzahl derer, die an dieser Krankheit leiden rückläufig. Die Höhenangst jedoch hat Konjunktur und verzeichnet hervorragende Zuwachszahlen. Höhenangst: Die Angst der Zukunft!
 
Während ich überlege: Ist das jetzt gut oder schlecht?! Fällt mir die dramatisch-komische Absurdität dieser Performance unserer Gesellschaft auf. Die Aktion der Frankfurter Botschaft zeigt sich so gut beobachtet und präzise vorgeführt, dass ich mir nicht mehr sicher bin, welche Darbietung ich im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückter finde: Das Spektakel an diesem Freitag in der Weihehalle oder das draußen in der Stadt – jeden Tag. 
Nach ca. 2 Stunden stürmen Spieler die Lokation und rufen: „Nieder mit der Frankfurter Botschaft!“ Ihrem Begehren wird nachgekommen. Kurz vor der Schließung hält der Präsident der Botschaft eine Ansprache. Er fragt sich und damit uns was der ganz persönliche Nutzen dieses Abends für jeden ist oder sein könnte. Wenn man also „diese“ Botschaft hat, dann bleibt die Frage, ob man sie, wie der Präsident es formulierte, bei sich zuhause einschließt oder sie mutig in die Welt hinaus trägt?
Wenn ich mich also nach diesem Abend frage, was die Botschaft der Frankfurter Botschaft ist: Dann ist es wohl eine Aufforderung zur aktiven Beteiligung und Äußerung über den eigenen Zustand in der Stadt und auch die Lebensumstände. Vielleicht soll es auch heißen: Erzählen Sie von sich und fragen Sie die anderen! Fragen Sie, wer noch mit ihnen hier (in der Stadt) und was so los ist.
 Also:  Interessiert euch, (ihr)Leute!