Rückblick – Stadtspaziergang Straßenblick

  • Veröffentlicht am: Do, 29 Sep 2016
  • von: Lisa Voigt

Menschen mögen Geschichten. Und dieser Stadtspaziergang am 21. August war eine wandelnde wahre Geschichte.
Wir treffen Thomas Adam auf dem Eisernen Steg. Es folgt eine kleine Vorstellung und Einführung. Er ist ehemaliger Obdachloser und wird uns heute an verschiedene Orte seiner ehemaligen Obdachlosigkeit führen. Schnell wird klar: Wir sind hier auf einer etwas anderen Stadtführung.
Das Konzept dieses „etwas anderen“ Stadtspaziergangs entwickelten Studierende der Goethe Universität Frankfurt. Das Projekt „Straßenblick“ ist ein Ergebnis der Studierendenorganisation Enactus Goethe Universität e.V.
Bei unserem Straßenblick fängt es an zu regnen. Die Gruppe diskutiert kurz, ob wir uns unterstellen sollten. Dann wird uns die Ironie der Sache bewusst: Ein Stadtspaziergang, geführt von einem ehemaligen Obdachlosen. Der lacht: „Ganz stilecht!“ Alle schlagen ihre Schirme auf. Auch Adam und erzählt dann weiter von den ungeschriebenen Gesetzen der Straße.
Ehrlichkeit und Authentizität interessiert die Menschen und die haben viele Fragen. Später will ich von Adam wissen, ob ihm die ein oder andere Frage manchmal zu sensationsinteressiert vorkommt. Aber solange die Fragenden Respekt und Interesse zeigen, antwortet Adam immer gerne. Ihm und der Studierendengruppe, geht es darum ein Bewusstsein für die Situationen auf der Straße zu schaffen und dass Wohnungs- und Obdachlose ebenso zu dieser Stadtgesellschaft gehören und als diese wahrgenommen werden sollten. Vor allem auch darum, dass z.B. der Alkoholiker, der vorm Hauptbahnhof sitzt, ebenso behandelt werden sollte, wie man sich selber wünscht wahrgenommen und behandelt zu werden.
Wenn das Technische Rathaus zum Hauptwohnsitz wird
Adam erzählt ganz unverblümt und schafft es damit, den Stadtraum und vor allem die Innenstadt unter ganz anderen Aspekten vorzustellen, wie ich sonst gewohnt bin durch die Straßen zu gehen. Jetzt überlege ich, wie bequem oder absichtlich unbequem Parkbänke gebaut sind, ob es genügend Dächer zum Unterstellen gibt, wo ich mich platzieren würde, wenn ich auf Geldspenden anderer Passanten angewiesen wäre und wie unglaublich zugig diese Stadt doch manchmal sein kann.
Adam berichtet vom Kältebus, der im Winter morgens und abends die Runde macht, Decken, Medizinische Hilfe und das Nötigste verteilt, von der Straßenambulanz, Essensausgabestellen wie dem Franziskus Treff. Mir fällt auf: Davon bekomme ich überhaupt nichts mit. Wie kann das sein, dass scheinbar eine komplette Welt an mir vorübergeht, wo ich doch so viel herumkomme und dachte mit wachen Augen durch die Stadt zu gehen? Es gibt so einige blinde Flecken - nicht nur in dieser Stadt.
Adams Stadtführung wird aber nie zu einem Lehrstück. Über die Geschichten, die mit ganz bestimmten Orten im Stadtraum verknüpft sind, transportiert sich dieses Anliegen und diese Haltung scheinbar ganz von allein.
Fast zwei Jahre lange haben die Studenten nach einem Partner für ihr Konzept und die Stadtführungen gesucht. Über die Caritas kam es schließlich zur Kontaktaufnahme mit Adam. Der erzählt mir später: „Ich kann heute sagen, dass ich die Studenten auch gesucht habe. Damals wusste ich das nur noch nicht.“
Was bleibt ist das Gefühl, dass von diesem Spaziergang alle Beteiligten mit einem erweiterten Horizont nach Hause gehen. Adam, für den diese Führungen auch eine Art Wiedereinstieg in die Gesellschaft darstellen. Vor allem aber vermittelt Adam den Teilnehmern eine sehr persönliche und besondere Perspektive auf die Stadt. Eine Perspektive, die häufig aus dem Stadtbild verdrängt wird und zu oft ungehört bleibt.