Rückblick: Kai Söltner´s Einkörpern + Atmen oder wenn die Stadt zum Probenraum wird

  • Veröffentlicht am: Mo, 27 Jun 2016
  • von: Lisa Voigt

Mit Fahrrad, Kuchen und kriminalpolizeilichen Ambitionen  startete die Sommertour am Sonntag bei schönstem Sonnenschein.
Wer wollte, konnte dabei sein, wie Kai Söltner bei einem langen Spaziergang durch die Stadt die verschiedensten Eindrücke von Stadt sammelte. Aber wie erklärt man diese künstlerische Intervention im Stadt- und Körperraum zwischen räumlichem Aneignungsprozess und spiritueller Selbsterfahrung?
Am Anfang steht immer das wache Auge und bewusste Wahrnehmen von Orten und Ereignissen im Stadtraum, erklärt Kai Söltner seinem Publikum aus Interessierten, die sich fragen: „Was macht der Mann mit so viel Energie und Alufolie im Koreanischen Garten? Und warum gibt es dazu Kuchen auf einem Fahrrad?“
Wir durften am Sonntag dabei sein, wie prägnante Frankfurter Orte eingesammelt wurden. Wie sammelt man die Materialität eines Ortes ein? Und wie genau wird daraus ein homöopathisches Präparat, das der Besucher einnehmen und eben diesen Ort durch die körperliche Reaktivierung nachspüren kann?
Ich fühle mich fast wie die Spurensicherung der Kriminalpolizei während ich mit einem sterilen Tuch über ein Plakat im IG-Farbenhaus streiche und dabei meine ganz spezielle – nicht ganz unproblematische – Erfahrung mit diesem Ort erzähle. Das Tuch, an dem tatsächlich einige Materialrückstände der Farbe und Papierpartikel zu sehen sind, wird direkt eingetütet und beschriftet. Die Nummer auf einer Liste vermerkt, wo Kai Söltner akribisch Orte, Zeiten und Zahlen notiert hat. „Nun ist Ihr Ort gesammelt“ sagt er und lacht, während mir die Schweißperlen auf der Stirn stehen, wenn ich daran denke, wie diese Probe nun weiterverarbeitet wird und vielleicht von anderen Menschen bei einer Performance-Show des Künstlers wieder aktiviert werden könnte.
Der Künstler erklärt weiter, dass die entnommenen Materialproben der verschiedenen Orte in hochkonzentriertem Alkohol eingelegt werden, um die Essenz des „Abklatsches“ zu erhalten. Dieses Konzentrat wird in den nächsten Schritten zu einer Flüssigkeit weiterverarbeitet, die der Künstler immer nur „d10“ nennt. Wer sich mit homöopathischer Medizin beschäftigt hat weiß, dass es sich dabei um die Konzentration des Stoffes und das Verfahren gleichermaßen handelt. In seinem „Labor“ vermischt Söltner die Essenz im Verhältnis 1:9 mit Wasser. Durch wiederholtes Schlagen auf das Knie wird zwar das Gemisch verdünnt, die Potenz des Wirkstoffes aber erhöht. Dieses Verfahren wiederholt der Künstler neun Mal. Während Söltner uns von diesem Verfahren erzählt, muss ich an Laborkittel, Reagenzgläser und an das große unbekannte Feld der Alchemie denken, das mir allein wegen der halbmagischen und spirituellen Sphäre sogar an diesem sonnigen Tag einen kühlen Schauer über den Rücken jagt.
Aber dann holt mich das Gespräch der Anderen wieder zurück in den Koreanischen Garten, wo sich gerade eine kleine Gruppe von potentiellen „Einkörperern“ eingefunden hat, die Söltners fertige Globulis selbst einmal einnehmen und reaktivieren möchten.
Zwei Freunde haben sich entschlossen eine verarbeitete Probe eines Stuhles aus Siegmund Freuds Arbeitszimmer in London einzunehmen. Die beiden sind erst kürzlich von London nach Frankfurt gezogen und was die zur Einnahme der „London-Stuhl-Globuli“ brachte, liegt wohl irgendwo zwischen Heimweh und dem Versuch sich aus der Distanz einem nicht immer geliebten London anzufreunden.
Wie sie sich nun fühlen? „Irgendwie geerdet. Und zumindest positiv irritiert.“